Sexismus und die Grünen

Der Gendergap stach einem gradezu ins Auge als die mediale Diskussion rund um die Solidaritätskandidatur von Johannes Voggenhuber letzten Freitag ihren Höhepunkt erreichte. Es waren ausschließlich Männer, die sich im Vorfeld des Erweiterten Bundesvorstands für Voggenhuber stark machten, während sich viele Frauen skeptisch oder sogar ablehnend äußerten. Sexismus wie Voggenhuber meint? Mitnichten. Natürlich tragen auch grüne Strukturen die patriarchale Sozialisation ihrer AkteurInnen in sich. Wesentlicher Unterschied zu anderen Parteien: Die Grünen haben sich vorgenommen diese patriarchalen Strukturen zu bekämpfen. Das verlangt auch die Zustände in der eigenen Organisation regelmäßig zu reflektieren. Der Grundwert „feministisch“ liefert dazu die politische Basis. Die Mindestparität der Frauen im Verhältnis zu den Männern in allen Gremien und auf allen Wahlvorschlägen ist ein struktureller Versuch diesem Grundwert zu entsprechen, den die Grünen von Anfang an gesetzt haben.

Dass das nur ein erster Schritt sein kann, war wohl (fast) allen klar. Manche scheinen das jedoch vergessen zu haben. Schon rein quantitative Vergleiche zeigen ein starkes Ungleichgewicht von Frauen/Männern in grünen Spitzenpositionen. Und für jedes dieser Ungleichgewichte findet sich in Diskussionen eine passende Erklärung. 4 Jahre in denen Frauen die Funktion als Bundessprecherin ausübten stehen 18 Jahren in denen Männer diese Funktion inne hatten gegenüber. Dazugehöriges Erklärungsmuster: Frau/Mann könne das nicht an einer Funktion festmachen, schließlich würde alleine die „Ära Van der Bellen“ 11 Jahre ausmachen und der wäre eben eine außergewöhnliche Erscheinung, das habe nichts mit dem Geschlecht zu tun. Der überwiegende Teil der grünen Fraktionsobleute in Gemeinderäten sind Männer. In nahezu jeder dieser Gemeindegruppe findet sich ein spezifisches Erklärungmuster, warum gerade jener Fraktionsobmann in genau dieser Funktion unverzichtbar ist. Bei der letzten Nationalratswahl haben sechs Grüne kein Mandat mehr bekommen, weil sich nicht oder nicht an wählbarer Stelle auf der Liste waren: Fünf Frauen und ein Mann. Eine Erneuerung fast ausschließlich auf Kosten von Frauen – nein, in vielen Diskussion wird die Problemlage geleugnet. Zu jeder dieser Frauen gibt es eine eigene Geschichte, die das Ausscheiden erklärbar machen soll.

Das ist struktureller Sexismus, wenn auch auf deutlich höherem Niveau, als in anderen Parteien. Manche Fragen werden nicht, oder viel zu wenig gestellt: Warum fällt es den Grünen so leicht Männer zu „außergewöhnlichen Erscheinungen“ zu stempeln, während das bei Frauen kaum vorkommt? Warum werden immer „unverzichtbare“ Männer in Spitzenfunktionen gehievt, während das Kriterium „unverzichtbar“ auf Frauen selten bis nie umgelegt wird. Warum führt die individuelle Einschätzung von MandatarInnen/FunktionärInnen bei Männern regelmäßig dazu, dass die Partei sie braucht/dass sie sie halten muss, während die individuelle Einschätzung von Frauen viel defizitorientierter ist? Eine mögliche Erklärung findet sich hinter einem sexistischen Sager des Grünen Bundesrates Effgani Dönmez: „Aber die Frauen in unserer Partei sind auf jeden Fall alle hoch engagiert und qualifiziert. Brüste zu haben reicht bei den Grünen nicht als Qualifikation.“ Nie wäre Dönmez vor der Kritik an seiner Aussage in den Sinn gekommen zu sagen, dass das Vorhandensein von sekundären Geschlechtsmerkmalen bei Grünen Männern nicht als Qualifikation reicht. Es ist auch bei den Grünen in vielen Fällen so, dass Frauen sich mit der Anforderung konfrontiert sehen engagierter und höher qualifierzeit sein zu müssen als ihre männlichen Kollegen um das Gleiche zu erreichen.

Informelle Förderstrukturen von Männern für Männer sind auch bei den Grünen nicht unbekannt, wenn sie auch oft nicht bewusst gemacht werden. Die Partei hat ja die Quote und damit hat sichs mit der Geschlechterfrage. Zudem müssen sich Frauen mit der medialen Geschlechterwahrnehmung herumschlagen, die in einigen Fällen auch in die Partei proijeziert. Frau/Mann stelle sich vor Eva Glawischnig würde ähnliche Gewichtsschwankungen durchmachen wie Josef Pröll in den vergangenen Jahren. Keine Frage, das Boulevard würde sich intensiv mit diesem „Thema“ auseinandersetzen und der Gedanke, dass Glawischnig sich zudem mit parteiinterner Kritik an einem regelmäßigen Auftauchen in Zeitungen abseits des Politikressorts konfrontiert sähe, erscheint nicht weit hergeholt.

Natürlich ist die Frage ob Voggenhuber erneut für die Grünen in den EU-Wahlkampf ziehen soll, keine reine Geschlechterfrage, aber Geschlechterfragen spielen in der Diskussion um die grüne EU-Liste eine nicht unwesentliche Rolle. Während Voggenhuber von einem Männernetzwerk als unverzichtbar erklärt wird, spielen die Qualifikationen von Ulrike Lunacek in der aufgebauschten Diskussion kaum eine Rolle: Immerhin ist sie seit Jahren Sprecherin der europäischen Grünen und damit für die weitere Arbeit an einer europäischen Grünbewegung mindestens so unverzichtbar wie Johannes Voggenhuber. Während Voggenhuber zur Ausnahmefigur erklärt wird, wird nicht diskutiert, dass die Grünen nach 15 Jahren erstmal mit einer Frau als Spitzenkandidatin in die EU-Wahlen gehen. Während Voggenhubers Verdienste der vergangenen fünfzehn Jahre ventiliert werden, werden die Defizite seiner EU-Politik verschwiegen und die Erfolge von Ulrike Lunacek oder Moni Vana in ihrem Engagement für die europäische Grünbewegung nicht einmal erwähnt.

Die Grünen haben sich diesmal anders entschieden und damit auch in einem Fall eine Entscheidung gegen ein Netzwerk getroffen, dass die Partei von Anfang an mitbestimmt hat. Vielleicht rührt die übertriebene Aufregung um Voggenhuber ja auch da her, dass Einzelne befürchten, dass die Grünen nicht nur im Einzelfall, sondern strukturell einen Fortschritt in der Geschlechterfrage machen könnten: Hoffen wir, dass sie mit dieser Befürchtung recht behalten.

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