Eine Frage der Rolle

Walter Hollstein darf in der Printausgabe des „STANDARD“ vom 8. März (!!!) alle Register des Antifeminismus ziehen. Dass sich ein Qualtitätsmedium auf so undifferenzierte Debattenbeiträge einlässt, wurde bereits treffend kritisiert. Dennoch fehlen in der Diskussion, die Stimmen von Männern, die nicht dem sexistischen Revisionismus Hollsteins anhängen.

Die Entwicklung von Rollenbildern, die im Gegensatz zu den patriarchalen Machtstrukturen stehen, bereitet aufgrund der jahrhundertelangen Übung in eben diesen Strukturen einige Schwierigkeiten. So lässt beispielsweise der Gender Gap im Wahlverhalten eine Rollenkonfusion bei Männern erkennen: Das konservativere Wahlverhalten von Männern ist m.E. ein Hinweis auf eine Sehnsucht nach der alten Machtverteilung, die, den feministischen Bewegungen sei es gedankt, ziemlich ins Wanken geraten ist.

Die hierarchische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, die die Großelterngeneration den jungen Männern (und Frauen) als Rucksack auflädt, lässt sich für die meisten jungen Männer nicht verwirklichen. Das Familienernährer-Modell ist, abseits von Phänomenen der Oberschicht, Geschichte.

Gleichzeitig sind junge Männer mit Rollenanforderungen aus eben dieser Vergangenheit konfrontiert, die sie aufgrund der gesellschaftlichen Weiterentwicklung nicht erfüllen können. Die Elterngeneration ist diesbezüglich nur bedingt eine Hilfe: Sie ist die Generation der Transformation, die sich theoretisch mit der Ungleichverteilung von Macht zwischen den Geschlechtern beschäftigt hat und in der gesellschaftlichen Praxis offensichtliche Schieflagen beseitigen konnte. Statt einer Entwicklung von neuen Rollenbildern erfolgte jedoch überwiegend der Rückzug in den Geschlechterbiedermeier. Diese Entwicklung haben die feministischen Bewegungen mit der Formel „Das Private ist politisch!“ im Voraus beschrieben.

Die Sehnsucht nach der alten Struktur entsteht, neben der Angst vor dem Machtverlust, aus dem überwiegenden Fehlen von alternativen (Vor-)Bildern. Männern, die den „Emanzipationsgewinn“ erkennen, fehlt es – das müssen wir eingestehen – an der Sprache um diesen Gewinn zu beschreiben und damit ein attraktives Bild einer geschlechtergerechten zukünftigen Entwicklung zu zeichnen.

Das daraus entstehende Schweigen über alternative (männliche) Rollenmodelle ist gefährlich, wie sich anhand der aktuellen Debatte im STANDARD zeigt. Dieses Schweigen bietet den geschlechterpolitischen Revisionisten den Raum ihre kruden Ansichten zu verbreiten.

Der Umgang mit den sich verändernden Geschlechterverhältnissen, ja die Veränderung der Geschlechterverhältnisse selbst, ist eine Frage der Rolle, die jede/r Einzelne von uns lebt. Der Rückzug auf kleine, geschlechterdemokratisch organisierte Inseln verändert die Strukturen nicht, er macht sogar einen Backlash möglich. Es braucht die Rollen, die in Diskurs mit den gesellschaftlichen Verhältnissen treten um diese Verhältnisse zu revolutionieren.

Die Bekämpfung der Geschlechterhierarchie ist die am längsten andauernde Revolution, die diese Welt je erlebt hat. Es wird Zeit, dass die Männer, gegen deren Machtclique sich diese Revolution richtet und die längst verstanden haben, dass die Anliegen dieser Revolution berechtigt und auch ihre Anliegen sind, ihr Schweigen brechen, zu einer adäquaten Sprache finden und diese Revolution unterstützen. Im Interesse der Gesellschaft und in ihrem eigenen Interesse.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s