Der ORF braucht Social Media

Die Debatte um die Nutzung von Social-Media Plattformen durch den ORF und seine JournalistInnen ist seit heute Abend um eine Facette reicher. Nach Ansicht des Verbands der Österreichischen Zeitungen (VÖZ) umfasst das ORF-Gesetz den ganzen Social Media Bereich, wie die ZIB 2 berichtet. Ein berufliches Twitterverbot für ORF-JournalistInnen also? Soweit wird es nicht kommen. Die Abgrenzung zwischen beruflicher und privater Nutzung ist nicht möglich und ORF JournalistInnen zu verbieten, Social Media Plattformen zu nutzen ist aus meiner Sicht mit der Recht auf Meinungsfreiheit nicht vereinbar.

Das Parlament ist aufgefordert, das ORF Gesetz zu reformieren, wenn dieses die Nutzung von Social-Media Plattformen durch den ORF verunmöglicht. Zahlreiche Studien belegen, dass bestimmte Zielgruppen durch ihre spezifische Form der Mediennutzung ihre Informationen hauptsächlich oder ausschließlich über Social Media Plattformen beziehen. Es ist durchsichtig und verlogen was jene, die das Urteil der Medienbehörde KommAustria, begrüßen mit dieser Haltung bezwecken: Eine Schwächung des ORF in bestimmten Zielgruppensegmenten.

Wer sich – wie viele ZeitungsherausgeberInnen –  jüngst zu Recht über parteipolitische Postenbesetzungen im ORF besorgt zeigt und gleichzeitig ein solches Urteil begrüßt, meint es mit der Unabhängigkeit Öffentlichen Rundfunks nicht ernst. Denn die direkte Interaktion der JournalistInnen mit den MedienkonsumentInnen, die Social-Media Plattformen ermöglichen, schaffen eine nie dagewesene Transparenz. Feedback und Kontrolle wird für und durch MediennutzerInnen einfach gemacht, was früher der LeserInnenbrief war, passiert heute in ungleich höherem Ausmaß über Twitter und Facebook. Das ist gut für eine demokratische Gesellschaft.

Die veränderte Positionierung von JournalistInnen durch Social-Media stärkt deren Unabhängigkeit auch und gerade nach Innen, in Systemen wie dem ORF. Wäre der Protest der ORF JournalistInnen gegen parteipolitische Postenbesetzungen, Anfang dieses Jahres binnen kurzer Zeit derart erfolgreich gewesen, ohne Social-Media? Wohl kaum! Wenn der VÖZ behauptet hier würden Gebührengelder verschleudert, dann kann ich nur sagen, für einen unabhängigen, starken öffentlichen Rundfunk zahle ich gerne ORF-Gebühren.

Problematisch würde die Nutzung von Social-Media Plattformen dort, wo schon das Programm des ORF insgesamt fragwürdig ist. Sendungen wie etwa „Chilli“ haben meiner Ansicht nach auf einem gebührenfinanzierten Sender nichts zu suchen. Solche Angebote, die beim besten Willen keinen Mehrwert im Sinne eines Bildungs- oder Informationsauftrags haben, als öffentliche Rundfunkanstalt (ich spreche hier explizit nicht von den einzelnen JournalistInnen) auf Social-Media Plattformen zu präsentieren, fände auch ich unzulässig.

 

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6 Kommentare zu „Der ORF braucht Social Media

  1. Der Eine mag keinen Sport, die Andere hasst den Tatort und über 13-Jährige finden das Kinderprogramm überflüssig. Für viele Menschen ist yellow press die einzige Information, die sie interessiert und die sie regelmäßig verfolgen.
    Der ORF bietet ein Vollprogramm. Das heisst: Jeder Gebührenzahler bekommt seinen fair share. Da haben Society-Programme genausoviel Berechtigung, wie alles Andere. Unterhosen der Größe 44 kann man auch nicht jedem anziehen – drum werden sie in verschiedenen Größen produziert. Jeder sucht sich die aus, in der er sich am Wohlsten fühlt.
    ‚Unzulässig‘ finde ich einen ziemlich krassen Ausdruck in diesem Zusammenhang. Wenn wir nun beginnen, persönliche Vorlieben und Abneigungen zur Richtlinie zu erheben, bleiben für das Programm am Ende nurmehr die Nachrichten, Übertragungen aus Bundesrat, Parlament und eventuell der Oper übrig.

  2. Danke für den kompetent verfassten Kommentar, Sie haben Ihr ORF Gesetz gelesen! Ich habe den Absatz, der problematisierend auf das Programm des ORF eingeht, sehr vorsichtig argumentiert um eben nicht den Eindruck zu erwecken, dass es mir hier um Fragen des Geschmacks geht. Wäre ich mit persönlichen Abneigungen und Vorlieben an die Sache herangegangen, wäre meiner Streichungswut mit Sicherheit der Musikantenstadl als Erstes zum Opfer gefallen. Der ist aber wohl im Sinne eines öffentlich-rechtlichen Auftrags.
    Bestimmte Grenzziehungen lässt der öffentlich-rechtliche Auftrag aber schon zu. Ich finde es zum Beispiel richtig, dass Call-In-Sendeformate dem ORF nicht erlaubt sind. Und eine Grenzziehung erscheint mir auch bei aggressiv designten Yellow-Press Formaten, wie „Chilli“, anbebracht. Mir sind jedenfalls keine ähnlich designten Sendungen von anderen öffentlich-rechtlichen deutschsprachigen Sendern bekannt. Die ARD liefert ein Vollprogramm und das ganz chilli-frei.
    Von Unzulässigkeit habe ich in diesem Zusammenhang im Bezug auf die Präsentation solcher Programmteile über Social-Media Plattformen gesprochen. Ein Verbot erscheint mir deshalb sinnvoll, weil der ORF sonst hinsichtlich, aus meiner Sicht, rein kommerzieller Programmteile einen Wettbewerbsvorteil gegenüber nicht gebührenfinanzierten Sendern hätte.
    Das würde dann etwa auch für „Kauf-Sendungen“ von „CSY-Miami“ bis „CSY-New York“ gelten, nicht aber für Eigenproduktionen, mit denen zum Beispiel im Sinne des Film-Fernsehabkommens ein öffentlich rechtlicher Auftrag erfüllt wird.

  3. Lieber Georg Prack!

    Um ein Twitterverbot für ORF-JournalistInnen, wie gestern in der ZIB2 kolportiert, geht es dem VÖZ selbstverständlich nicht. Das wäre ja auch absurd! Der Verleger-Verband pocht – wie auch der Spruch der KommAustria – auf die Einhaltung des ORF-Gesetzes. Die Medienbehörde hat sich in ihrer aktuellen Entscheidung nur auf die Facebook-Aktivitäten des ORF konzentriert. Aber was für Facebook gilt, muss auch für Twitter gelten. Somit wäre aus Sicht des VÖZ die Einstellung zum Beispiel des „offiziellen Sport-Account des ORF“ http://twitter.com/sportORF nur logisch.

  4. @Andreas Csar: Das mit dem Twitterverbot für ORF JournalistInnen, habe ich ja wie oben beschrieben nie Ernst genommen.
    Was den Rest betrifft: Aus meiner Sicht ist das ORF Gesetz dringend reformbedürftig, wenn es den öffentlich rechtlichen Sender derart einschränkt.

  5. Lieber Andreas Csar,

    Aus welche grund pocht der VÖZ auf diesen Punkt im ORF Gesetz? Was erwartet man sich davon & was versucht man so zu unterbinden?
    Warum wird die Facebook-Seite der zib kritisiert, wo diese doch tagesaktuelle Themen verarbeitet — also nicht diesem Absatz widerspricht?
    Wie kommt der VÖZ außerdem zu der Aussage, dass keine andere Interpretation zulässig ist? Im Gesetz (§ 4f (2) Pt 25) steht ausdrücklich, dass das Betreiben eines sozialen Netzes verboten ist. Wo betreibt der ORF ein soziales Netz? Hat der ORF schon alle Facebook-Aktien gekauft?
    Die Auslegung des VÖZ ist höchst peinlich, da auch nicht argumentiert wird, worum es konkret geht.
    Kann das bitte nachgereicht werden?

    Lg, Michi

  6. Die Verleger fürchten sich vor einem gebührenfinanzierten Medienkoloss und wollen deshalb die Verbreitung von Dienstleistungen des ORFs ausserhalb des bisherigen Rahmens verhindern.

    Erhalten Österreichische Zeitungen nicht auch Unterstützungszahlungen?

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