Fußfessel Arbeitslosigkeit

Ich werde ja ungern persönlich. Aber die zynische Aufregung über den überfälligen Vorschlag meiner Partei auch Menschen, die Leistungen aus ihrer Arbeitslosenversicherung beziehen, ein einigermaßen menschenwürdiges Privatleben zu ermöglichen, regt mich auf.

Ich hatte das Glück in meinem Erwerbsleben nur einmal eine ca. vier Monate dauernde Periode der Arbeitslosigkeit zu durchleben. Ich bin im Nachhinein froh diese Erfahrung gemacht zu haben, weil ich mir vorstellen kann, wie es sich für Menschen in der Situation der Arbeitslosigkeit anfühlen muss, wenn die menschenverachtende Polemik von ÖVP und FPÖ ob des grünen Vorschlags ungebremst auf die Betroffenen einschlägt.

Es gibt keine Versicherungsleistung deren Bezug bei Eintritt des Versicherungsfalls (Arbeitslosigkeit) gesellschaftlich derart verpönt ist, wie die Arbeitslosenversicherung. Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen, die Leistungen aus ihrer Arbeitslosenversicherung beziehen, ist für sich genommen schon problematisch genug. Doch die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Versicherungsfall Arbeitslosigkeit wurde in eine krasse rechtliche Diskriminierung von arbeitslosen Menschen übergeführt. Der Bezug der Versicherungsleistung wird mit einem Pönale versehen. Dieses Pönale richtet sich mit voller Härte gegen die Freiheit des Menschen, nämlich die Bewegungsfreiheit.

Mir ist klar, dass meine Situation als junger, arbeitsloser Student irgendwann im Jahr 2008 nicht prototypisch ist. Aber das Regime von Einschränkungen und Regeln, das über Dich hereinbricht, wenn Du  Dich „arbeitslos meldest“, konnte ich damals am eigenen Leib erfahren.

Natürlich habe ich intensiv nach einem neuen Job gesucht. Aber ich habe auch mein ehrenamtliches politisches Engagement bis zu einem gewissen Grad aufrechterhalten. Aus diesem Grund musste ich in jenen vier Monaten drei Mal Wien verlassen (übrigens meist an Wochenenden). Jedes Mal musste ich mich bei meiner freundlichen AMS-Betreuerin abmelden. Jedes Mal wurde mir in einem Brief extra beschieden, dass mir diese Tage von meinem AMS-Bezug abgezogen werden. Schlimmer als der Verlust – des in meinem Fall sowieso sehr niedrigen – Tagsatzes war das Gefühl jede meiner außerordentlichen Bewegungen einer übergeordneten Instanz mitteilen zu müssen. Verbunden mit dem Entzug einer Leistung, wobei der Entzug mir vermitteln sollte, dass diese außerordentliche Bewegung eigentlich nicht vorgesehen ist.

Diese extrem restriktiven Verfügbarkeitsregelungen erinnern mich an die Fußfessel. Sie sind ein Gefängnis im Freien. Mit allem was dazu gehört: Wächtern und Wächterinnen, denen Du regelmäßig Deinen Standort melden musst. Nachbarn und Nachbarinnen, die auf Dich zeigen und sagen: Schaut das ist ein/e Arbeitslose/r, der/die darf sich nur so bewegen, wie es ihm oder ihr vorgeschrieben wird. Und eine Gesellschaft, die aus spezial- und generalpräventiven Gründen Deine Freiheit beschränkt.

Ich könnte jetzt lange darüber philosophieren wie förderlich meine Auslandsaufenthalte für meine weitere Erwerbslaufbahn waren und wie wenig sinnvoll die Angebote des AMS an mich waren. Ich habe ca. vier Monate von meiner Arbeitslosenversicherung gelebt. Ich zahle die Arbeitslosenversicherung gerne. Aber: Ich habe die paar Monate in denen ich zum Versicherungsfall wurde als Fußfessel erlebt. Ich wünsche niemanden arbeitslos zu werden. Aber ich würde mir wünschen, dass unsere Gesellschaft Arbeitslosigkeit endlich mehr als Versicherungsfall, denn als Straftat begreift.

Der Vorschlag unserer Sozialsprecherin Judith Schwentner die Verfügbarkeitsbestimmungen für Arbeitslose ein wenig menschlicher zu gestalten ist einerseits sehr pragmatisch, weil er erst nach 90 Tagen voller Verfügbarkeit ansetzt, andererseits ist er mutig, weil er auf ein gesellschaftliches Ressentiment gegen die Arbeitslosigkeit trifft, die in der Angst vor der eigenen Arbeitslosigkeit begründet liegt.

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3 Kommentare zu „Fußfessel Arbeitslosigkeit

  1. Hat dies auf akinblog rebloggt und kommentierte:
    ist eine parteiaussendung, sowas rebloggen wir normalerweise nicht, aber hier macht mal einer klar, wie gschissn der staat mit „sozialfällen“ umgeht und das aus persönlicher erfahrung. daher diese ausnahme.

  2. wenn politiker persönlich werden, finde ich das sehr gut. denn politische arbeit resultiert nicht zuletzt aus persönlicher erfahrung. und dann sollte man das auch deklarieren. und ja, der SPÖ mit ihrer verbandelung mit dem AMS wird das wehtun. und das ist gerade in der wiener koalition sehr gut. :)

  3. lieber georg! wenn du von arbeitslosenunterstützung sprichst, dann sprichst du von geldern, die andere erwirtschaftet haben und die man bekommt, obwohl man nicht produktiv ist. das ist kein einkommen, das nennt sich stütze, bis man wieder ein einkommen erWIRTSCHAFTET. wenn wir es arbeitslosengeldbeziehern noch bequemer machen, als sie es ohnehin schon haben, dann werden die noch arbeitenden im lande bald zwei frühpensionisten, drei arbeitslose und gottweißwen noch inklusive medizinischer vollversorgung, freizeitgestaltung und urlaubs-und weihnachtsgeld zu erwirtschaften haben. wenn du mir außer deinen träumen noch sagst, wie das gehen soll, bin ich ganz bei dir. leider sind viel zu viele deiner generation aufgewachsen in der meinung: vater staat wird schon machen. sie wollen nicht arbeiten, sie wollen ja nicht mal zur schule gehen. es hat sich eine moral gebildet, die nur noch auf “ wo krieg ich was vom staat = steuerzahler her“. dem gros dieser jungen, arbeitsfähigen menschen ist nicht klar, dass sie den staat ausnehmen und sich auf kosten der allgemeinheit ein für sie in ihrer kleinen, kurzsichtigen welt ein schönes leben machen. wenn wir unsere jugend jetzt auch noch dazu erziehen, dass arbeitslosigkeit eine tugend ist, dann gute nacht. eine dreifache alleinerzieherin, die in ihrem leben einen monat arbeitslosengeld bezogen hat zwischen zwei jobs und deren kinder alle in höheren schulen sind, studieren und DANEBEN ARBEITEN!!! das nennt man erziehung zur pflichterfüllung. faulpelze braucht unser land gar nicht.

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